2016 - Die erste Rede [Neue Folge]

 

Von der Kultur und der Kunst des Aufhebens

 

Prof. Dr. Hermann Glaser

Auch wenn nach einem Wort von Martin Luther eine Predigt – und wohl gleichermaßen ein Vortrag (welches Thema es auch sei) – nie länger als eine Dreiviertel-Stunde sein soll, füge ich meinem Hauptthema eine nicht angekündigte längere Einleitung hinzu; sie schildert als autobiografischer Vorspann, wie ich im Laufe meines Lebens Bildung und Bildungseinrich-tungen erlebte. Die appellative Dringlichkeit der Maxime, um die mein Kernthema kreist, mag dadurch betont werden. Die aufgehobene (bewahrte) Erinnerung soll vor Regression bewahren, vor den Rückfall in dunkle Zei-ten deutscher Pädagogik, wie sie das 19. und 20. Jahrhundert prägten.

 

Der persönliche Vorspann ist wesentlich gerafft, auf wenige Episo-den (Schlaglichter, Erfahrungen) reduziert, was aber nicht seine typische Relevanz abschwächen soll. Der „objektive Faktor Subjektivität“ gibt Einblick in Strukturen, welche – und das ist sehr erfreulich – wohl überwunden sind. Der Fortschritt lässt uns hoffen, dass der Traum von einer humanen Schule weiterhin und noch mehr Wirklichkeit wird.

 

Ich trage den Vornamen meines Onkels; der Bruder Hermann meines Va-ters, den ich nicht kannte – er starb als Student schon vor dem Ersten Welt-krieg –, war Schüler des Melanchthon-Gymnasiums. Kurz vor dem Abitur sollte er der Schule verwiesen werden, da er ein aufmüpfiges Verhalten zeigte und im Unterricht Hemden mit offenem Kragen (sogenannte „Schil-ler-Hemden“) trug. Seine guten Noten bewahrten ihn dann doch vor der Re-legation. Mein Vater meinte, wenn er einen Sohn bekäme, würde er ihn nie in diese Schule schicken. So habe ich zwar das große Latinum, aber nicht das Graecum.

 

Um das Bild des Melanchthon-Gymnasiums und „schwarzer Päda-gogik“ aufzuhellen: In den Räumen des Gebäudes an der Sulzbacher Stra-ße habe ich mich dann oft beschwingt und beswingt bewegt – dank des Oberstudiendirektors Mezger; es war ein Beispiel für eine höchst liberale Schulatmosphäre gewesen. Nach der Befreiung (dem Kriegsende 1945) erfasste uns Davongekommene eine große Tanzlust. Die erste Abitur-Klasse des Melanchthon-Gymnasiums meldete sich fast geschlossen zu einem der ersten Nürnberger Tanzkurse an. Einer der Schüler war ein Freund von mir; jeder der Tanzbeflissenen sollte dafür sorgen, dass Mäd-chen im Kurs mitmachten. Er forderte die Tochter eines Bekannten als „Da-me“ auf, die aber eine Zwillingsschwester hatte, die ebenfalls am Kurs teil-nehmen wollte. Da musste ich einspringen und fand so Aufnahme im Tanzkurs des Melanchthon-Gymnasiums. (Dieses Mädchen wurde dann meine liebe Frau.)

 

Was hat das mit den Räumen des Gymnasiums zu tun? Da es sonst kaum Möglichkeiten gab, Tanzschritte zu üben, stellte der damalige Direktor der Schule sein geräumiges Direktorat an den Wochenenden zur Verfü-gung – in Rücksicht auf den Hausmeister, der für die Ordnung in den Klas-senzimmern zuständig war. So erklangen dann vom kratzigen Grammofon im Direktorat bewegende Rhythmen, u.a. Cole Porters inspirierende Melodie „Don’t fence me in“, was als Motto für Erziehung den guten Geist der Be-weglichkeit intonierte. Wie ich höre, ist Ihr jetziger Direktor Otto Beyerlein einer, der eine solche Melodie walten lässt. (Ihm sollte jetzt Beifall gespen-det werden!)

 

Bei meinem schulischen Beginn 1935 lernte ich eine Atmosphäre kennen, die einen Alptraum bedeutete. In der Grundschule hatte ich einen Oberlehrer, der fast jeden Schulmorgen mit einer Prügelstrafe begann. Sa-dismus im jovialen Gewand. Die Wohnung des Oberlehrers Knöchlein be-fand sich im obersten Stockwerk; einige Zimmer hatten schräge Wände; ge-rade deshalb war es so gemütlich dort. Auf seinem Schreibtisch standen einige Fotos; zwei Söhne in Uniform; fünf Bleistifte gespitzt, genau ausge-richtet; ein Stoß Hefte, exakt aufeinander geschichtet; zwei Kaktusstöck-chen. Im Bücherschrank Bücher und Mokkatassen. Ein zerbeulter Stahl-helm an der Wand; von Verdun. Ich kannte die Wohnung ziemlich gut, denn immer, wenn die Ferien kamen, schleppten wir die Blumentöpfe aus dem Klassenzimmer in die Oberlehrerwohnung, wo sie gepflegt wurden. Zu Hause hatte der Oberlehrer eine Raucherjoppe an; aber er rauchte nicht. In der Schule trug er einen braunen Arbeitsmantel, auf dem man weiße und bunte Kreidespuren sah. Die Anzugsjacke hängte er sofort in den Schrank, in dem auch Handtuch und Seife waren; oben auf dem Schrank lag das Spanisch-Röhrchen, mit dem man Hiebe bekam. Häufig waren „Pfötchen“; entweder hielt der Lehrer die Hand des Delinquenten am Daumen fest oder dieser musste sie frei hinhalten; wenn man wegzuckte, musste der Lehrer Knöchlein sehr lachen; er schlug dann auf die Oberseite der Finger, was besonders schmerzlich war; so zuckten wenige. – Wir malten, wo der Führer geboren wurde; Braunau mit viel Fachwerk und zwei Türmen; ich bekam ein „sehr gut“; wie der Führer die NSDAP gründete und zum Retter Deutschlands wurde; das Hakenkreuz musste ich wieder wegradieren, da ich es umgekehrt gezeichnet hatte. Nach der Heimatkunde das Singen; er hatte eine volle Stimme – „Wem Gott will rechte Gunst erweisen...“ Oberleh-rer Knöchlein war deutschnational; aus alter Lehrerfamilie; ich war auch aus einer alten Lehrerfamilie; im Lehrerverein traf er mit meinem Großvater zusammen. Als man den Juden November 1938 die Läden zerschlug und die Wohnungen verwüstete, als wir uns ängstlich an dem aus den Fenstern geworfenen, zerschellten Mobiliar vorbeidrückten – in vielen Häusern wa-ren die Türen aus den Angeln gerissen und die Fensterscheiben zersplittert –, als wir am Morgen zur Schule gingen, trafen wir auf dem Weg unseren Oberlehrer; da fühlten wir uns wieder geborgen. Und er munterte uns auf und lachte, strich seinen Schnurrbart. Vor einem Haus lag ein Haufen Fe-dern, der beim Vorbeigehen aufstiebte, aus einem aufgeschlitzten Inlett herausgequollen war. Haben die doch heute Nacht ein bisschen Frau Holle gespielt, meinte er; und er zupfte mir den Tafellappen zurecht, der beim Zu-machen der Mappe eingeklemmt worden war und nun wieder wie ein Fähnchen herunterhing. Und er lachte nochmals, und in der Heimatkunde erzählte er uns, wie dem Führer erstmals in Wien über Alljuda die Augen aufgegangen seien.

Blumenstöcke trug ich nicht mehr in seine Wohnung. Im nächsten Jahr kam ich allerdings sowieso in die Oberschule.

 

Ich überspringe die Zeit des Studiums und der Referendar-Ausbildung als Lehrer. Aus dem Repertoire der Erfahrungen dann als Gymnasial-Lehrer nur eine Episode – ein scheinbar völlig unwichtiges Vorkommnis, das in einer Folge von Gesprächen mit einem sich mir vertrauensvoll zuwenden-den älteren Kollegen Thema war; er „gestand“ mir, dass er große Angst vor jeder Schulstunde hatte, weil die Schülerinnen und Schüler immer wieder lachten – und er meinte über ihn. Er müsse ständig Verweise geben. Ich empfahl ihm – er war Germanist und Theologe, der nicht nur bester Kenner der griechisch-römischen, sondern auch der hebräischen Kultur war –, sich mit Sigmund Freud zu beschäftigen. Und riet ihm, sich nicht aufzuregen: Wer eben auf erhöhtem Pult ex cathedra doziere, sei den frontal ihn ständig beobachtenden Schülern ausgesetzt; da gebe es immer etwas Lächerli-ches. Er solle doch einfach das Schulzimmer umräumen und an einem Ti-sche-Viereck unter den SchülerInnen sitzen. Das fördere auch die Kommu-nikation. Von environmental psychology hatte er noch nichts gehört. Als ich selbst (nicht wegen Lachens) die Pult-Ordnung abschaffte, bekam ich Ärger mit meinem Direktor, weil dieser immer vom Hausmeister wegen solchen „Unsinns“ bedrängt wurde.

Ich überspringe die Jahre und referiere nur noch eine Erfahrung aus meiner 26 Jahre umfassenden Zeit als Nürnberger Schul- und Kulturdezer-nent, zuständig für die kommunalen Schulen. Ich bat die Direktorate immer wieder, mir die Tagesordnungen von den vielen Lehrer-Konferenzen zur Verfügung zu stellen. Ich fand, dass es eine Seltenheit war, wenn ein pä-dagogisches Thema „auf der Agenda“ stand.

Sicherlich ist heutzutage alles anders und besser geworden; aber vielleicht kann der Erziehungsdiskurs noch Impulse „vertragen“. Vielleicht, indem man die Kunst und Kultur des Aufhebens reflektiert – und auch prak-tiziert. Da bin ich nun – nach mäandrisch skizziertem Persönlichem – beim heutigen Thema angelangt. Der Titel hätte – mit Martin Luther King – auch lauten können: I have a dream.

 

 

Die gängigste Form des Wortes „Aufheben“ und wohl auch häufigste Ver-wendung – zudem seine Semantik bestimmend – ist bei uns mit Essen und Trinken, also mit der Kochkunst und Kulturgeschichte der Nahrungsmittel verknüpft. Vor allem in frugalen Zeiten und Gesellschaften, in denen man das Einfache, aber auch Gute schätzte (wie im Biedermeier), entwickelte man teilweise raffinierte Methoden des Aufhebens, um das Gute und Reichhaltige stets in der Speisekammer vorrätig zu haben. Die bürgerliche Küche ist eine solche des Aufhebens, des Vorrats, des Verfügbaren bei Be-darf. „Conservare“ als fürsorgende Vorsorge.

Mit der Erfindung der Konservendose und dann der Nutzung der Gefrier-technik (Eisschrank, Gefriertruhe) sowie chemischer Methoden ist „Aufhe-ben“ als gastronomische Vokabel im Rückzug, auch wenn die Haltbarkeits-daten im Zeitalter der just-in-time-Versorgung noch wesentlicher Bestandteil der Geschäftsidee von Lebensmittelbetrieben sind. Das Delektieren – also Freude über stete Verfügbarkeit von Vorräten – als die Erwartung von be-reitstehendem Genuss – ist Teil der Wohlstandsgesellschaft.

Freilich ist dies ein Genuss, der mehr oder weniger als selbstverständlich gilt. Man schätzt immer weniger das Aufgehobene und kann es sich leisten, oft mutwillig früher Aufgehobenes wegzuwerfen, um es durch Neues zu ersetzen.

Bildung ist aber auch ökologische Sensibilität gegenüber dem Leichtsinn der Wegwerf-Konsum-Gesellschaft und Einübung des Genießens einfa-cher, kleiner Dinge.

 

Das Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal – in Jean Pauls gleichnami-ger Erzählung – ist arm, aber vergnügt. Dass er dies ist, verdankt er nicht zuletzt der Kunst des Aufhebens – er spricht von seinem „Pfiff“, heute hieße es wohl „Kick“: Nämlich immer vom Tage vorher etwas Angenehmes für den Morgen des nächsten Tages aufzuheben, entweder gebackne Klöße oder eben so viel äußerst gefährliche Blätter aus dem Robinson, der ihm lieber war als Homer, oder auch junge Vögel oder junge Pflanzen, an denen er am Morgen nachzusehen hatte, wie nachts Federn und Blätter gewachsen.

 

Ich spreche hier nicht als ein asketischer Wanderprediger, der das einfache Leben empfiehlt; aber müsste nicht die Pädagogik sich Zeit nehmen, Zeit lassen, Zeit nutzen, für die Wahrnehmung des Einfachen, Kleinen zu sen-sibilisieren in einer Welt und Zeit, die mit ihrem Geschwindigkeitswahn und warenästhetischer Vermassung die Freuden des „Small is beautiful“ im de-odoranten Schaumbad zu ersticken droht?

 

Das „sanfte Gesetz“, das Adalbert Stifter in seiner Vorrede zu den „Bunten Steinen“ beschreibt, sei dem Curriculum als Anregungstext empfohlen. „Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß; das prächtig einherziehende Gewit-ter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für klei-ner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. Sie kommen auf ein-zelnen Stellen vor und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau emporschwellen und über-gehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge em-portreibt und auf den Flächen der Berge hinabgleiten läßt. Nur augenfälli-ger sind diese Erscheinungen und reißen den Blick des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich, während der Geisteszug des Forschers vorzüglich auf das Ganze und Allgemeine geht, und nur in ihm allein Groß-artigkeit zu erkennen vermag, weil es allein das Welterhaltende ist. Die Ein-zelheiten gehen vorüber, und ihre Wirkungen sind nach kurzem kaum noch erkennbar.“

 

I have a dream!

Von einer Schule, die ihren Unterricht so einrichtet, dass sie soweit ent-schleu-nigt wird, dass sie sich Zeit nimmt und hat, wesentliche Fragen und Probleme vertieft nachzuspüren; also nicht nur Ausbildung, sondern Bil-dung zum Ziel hat.

 

I have a dream!

Von einer Schule, die Leistung und libidinöse Moral verbindet, die Leistung nicht durch repressive Sanktionen zu erreichen sucht, sondern durch Gratifikation, welche die ästhetische Erziehung des Menschen vom Notendruck befreit.

 

I have a dream!

Von einer Schule, die das Verhältnis zur Sprache in den Mittelpunkt rückt, also Sprachbildung am dichterischen Erlebnis ermöglicht – und nicht dem auf SMS reduzierten Sprachminimalismus oder der redundanten Inkompe-tenz-Kompensations-Kompetenz (also Geschwätzigkeit) verfällt.

 

I have a dream!

Von einer Schule, die ihre Kraft zum Aufheben (das Konservieren von Kul-turgütern) auch dazu nutzt – Zukunft braucht Herkunft –, ihre Wurzeln zu befragen, zu erfragen und in Frage zu stellen.

 

Und da kommt wieder ein Schulmeister ins Spiel: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der Direktor des Melanchthon-Gymnasiums von 1808 bis 1816. Er gab uns, der Pädagogik, der geistigen Welt den Sinn für Dialektik – die Kul-tur und Kunst des in These, Antithese und Synthese sich entfaltenden Dis-kurses, den die dreifache Wurzel des Wortes „aufheben“ charakterisiert: conservare, negare, elevare.

 

Als Johann Wolfgang Goethe den Denker besuchte, wollte er Näheres über Dialektik erfahren. Sie beruhe auf der Annahme, so Hegel, dass das Trei-bende in der Weltentwicklung der Widerspruch sei, der jeweils in die Einheit der Gegensätze einmünde. Von Goethe, der den Philosophen sehr schätz-te, auch wenn er meinte, dass er ihn nicht verstehe, bei einem Teegespräch am 18. Oktober 1827 herausgefordert, gab Hegel eine für ihn seltene einfa-che Antwort: „Es ist im Grunde nichts weiter, als der geregelte, methodisch ausgebildete Widerspruchsgeist, der jedem Menschen inwohnt und welche Gabe sich groß erweiset in Unterscheidung des Wahren vom Falschen.“ „Wenn nur“ fiel Goethe ein, „solche geistigen Künste und Gewandtheiten nicht häufig gemißbraucht und dazu verwendet würden, um das Falsche wahr und das Wahre falsch zu machen!“ „Dergleichen geschieht wohl“, er-widerte Hegel, „aber nur von Leuten, die geistig krank sind.“ „Da lobe ich mir“, sagte Goethe, „das Studium der Natur, das eine solche Krankheit nicht aufkommen läßt. Denn hier haben wie es mit dem   unendlich und ewig Wahren zu tun, das jeden, der nicht daraus rein und ehrlich bei Beobach-tung und Behandlung seines Gegenstandes verfährt, sogleich als unzu-länglich verwirft. Auch bin ich gewiß, dass mancher dialektisch Kranke im Studium der Natur eine wohltätige Heilung finden könnte.“

Dass Dialektik sich durch die Natur legitimiere, überzeugte Goethe. Dialektik war aber nicht nur „natürlich“, sondern auch Ausdruck geschichtlicher Er-fah-rung; dem Werdegang des Menschen als geschichtlichem Wesen ein-geschrieben. Denn – davon waren Goethe und Hegel überzeugt – der Weltgeist sei ein solcher der Vernunft. In diesem Sinne galt es auch die ge-schichtliche Spurensuche zu verstehen. Der Dichter und der Denker kann-ten zwar noch nicht den Text von Ernst Penzoldt, aber sicherlich hätten sie dem Spätergeborenen zugestimmt, wenn sie dessen narrative Parabel vom Aufzuhebenden, Zubewahrendem in der Geschichte gekannt hätten. Der Penzoldt-Text lautet – ich zitiere:

„Auf einer Reise nach dem Süden sah ich in einem Museum unter allerlei Überresten antiken Hausrates, zerbrochenen Öllämpchen und Topfscher-ben, einen Dachziegel, darauf sich die flüchtige Fußspur eines Mädchens oder Knaben erhalten hat. Über viele Jahrhunderte hin behielt das irdene Gedächtnis den Eindruck eines Augenblicks. Die Spur, schmal und untade-lig geprägt, jung und uralt zugleich, hat für den Beschauer etwas rührend Liebliches. Es war nun freilich nichts Bedeutendes geschehen, als eben nur, daß vor Zeiten ein Kind achtlos oder sogar mit Fleiß über zum Trocknen ausgelegte feuchte Tonziegeln geschritten war, eine junge Hirtin vielleicht, denn andere Scherben tragen Fährten von Ziegen. Der Ziegelbrenner hatte also das gezeichnete Stück nicht verworfen; es war gebrannt und als einzi-ges Zeugnis eines Menschen überliefert, von dem wir nichts wissen, als daß er gelebt hat, und der sich gewiß nicht träumen ließ, daß seiner zierli-chen Fußspur die Ehre zuteil werden würde, einst in der Vitrine eines staat-lichen Museums aufgestellt zu werden.“

Und die Moral von diesem Text: Die geschichtliche Fundierung unserer Bil-dung im Historischen – fast bei jedem Fach gegeben – darf weder als Kurio-sitätenkabinett noch als Verehrungsdeponie verstanden werden. Was wird, erwächst aus dem, was war. Da können wir nicht aussteigen, auch dort nicht, wo Geschichte Last ist.

Goethe und Hegel wussten, was Aufheben – nun als Höherkommen – an An-strengung nötig macht – in den Worten von Goethe als existentielle Le-bens-weisheit formuliert:

 

„Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.“

Eine „Selige Sehnsucht!“, so der Titel.

 

Im Hegelschen Sinn brauchen wir eine Pädagogik, Erziehung und Bildung, die Aufheben als konstituierendes Merkmal begreift, die in der Frage und im Befragen, in dem In-Frage-stellen und der Befragbarkeit den essentiellen Kern ihrer humanistischen Bemühungen sieht – wodurch Autorität sich als Kompetenz erweist! Der Mensch ist in seiner Frag-Würdigkeit ernst zu neh-men – in einer Schule, die Wahrheit als Weg – per aspera ad astra – be-greift.

Das klingt wie ein Wort zum Sonntag. Ist es auch! So möge es sein! I have a dream. Möge – das ist ein Optativ und Konjunktiv. Haben wir das „Prinzip Hoffnung“, dann wird die Möglichkeitsform Wirklichkeit, Aufklärung also Indoktrination, Orthodoxie, Ideologie, jedem totalitären Wahn entgegen ge-halten. Kann die Schule uns die Kraft zu solcher Aufklärung geben? Imma-nuel Kant hat es schon zu seiner Zeit vortrefflich formuliert:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Un-mündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“