Gymnasium 4.0?

 

Die Rede von Digitalisierung ist heute omnipräsent. Und die Hinzufügung eines „4.0" zu beliebigen Begriffen und Sachverhalten scheint fast unhintergehbar, um unter Vorzeichen der Konkurrenz weiter bestehen zu können. So titeln denn auch wir „Gymnasium 4.0"....

 

Doch was soll damit gesagt sein? Dass das Melanchthon die Bücher seiner Bibliothek von Google scannen lässt? Dass am ältesten Gymnasium Deutschlands auch Tablets Verwendung finden, dass es Whiteboards gibt, jeder Raum W-LAN hat und die Schule eine Homepage pflegt oder eine digitale Arbeitsplattform zur Verfügung stellt?

 

Um ja nichts falsch zu machen, fordern Eltern heute gerne eine ent­ sprechende „Vollausstattung". Die Bildungspolitik wiederum legt einen „Digitalpakt "auf. Doch dieser scheitert vorerst an politischen Zuständigkeiten.

 

Viele Eltern fragen heute: Wie erreiche ich die besten Startbedingungen für mein Kind im Hinblick auf zukünftige Berufs- und Lebenschancen (die anscheinend nur noch in der Logik von Verteilungskämpfen gedacht werden können)?

 

Beantwortet wird die damit verbundene Sorge meist mit der Forderung nach Investitionen in Hardware. Manche Eltern geraten auch in Panik, wenn das Lernen ihrer Kinder nicht "digital" erfolgt.

 

Ist das aber wirklich das Problem?

 

Der Untertitel führt auf die richtige Spur. Er signalisiert, dass es - gerade in unseren digitalen Zeiten - um noch etwas ganz anderes geht, dessen Wurzeln weit in die analoge Vergangenheit zurückreichen. Gemeint sind die Wurzeln eines menschlichen „Miteinander", die schon Melanchthon im Blick hatte, als er seiner Stadt Bildung statt steinerne Bollwerke als Investment empfahl.

 

Die Zukunft, die wir gerade auf manchem Gebiet zu verspielen drohen, wird nur dann lebenswert sein können, wenn wir es schaffen, die grundlegenden Probleme unserer Gegenwart klar zu benennen. Dazu gehört der kritisch-analytische Blick auf das bestehende Wirtschaftssystem, auf das Wachstums- und Konsumdenken ebenso wie der Mut zu wirkungsvollen Veränderungen der vorherrschenden Politik.

 

Die, ausgehend von Schweden, inzwischen weltweit auftretenden Schülerproteste im Hinblick auf den Klimawandel sind ein Hoffnungszeichen. Diese Jugendlichen mögen sich als „digital natives" via WhatsApp oder Facebook verabreden und abstimmen, was sie aber eint und beflügelt ist die höchst analoge Erfahrung nicht allein auf der Straße zu sein, um für eine lebenswerte Zukunft zu kämpfen.

 

Susanne Maurer wird „neue" Digitalität und „alte" Mündigkeit so zusammen denken, dass ein „Bollwerk" im Sinne Melanchthons vorstellbar wird - gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung, und für ein Leben in Würde, auch in der Zukunft.